Titel
Zauberin im Garten Eden
Erotisch, schön, unsagbar reich, mit Gold und Weihrauch im Gepäck - so taucht die Königin von Saba in der Bibel auf. Deutsche Archäologen haben jetzt die Palaststadt der Herrscherin aufgespürt. Im Wüstensand des Jemen liegt eine fast unbekannte antike Hochkultur verborgen.
Wer als Abendländer der Morgensonne entgegenwandert - und dies mit großer Ausdauer tut -, gelangt irgendwann in ein Land, in dem Wolkenkratzer aus Lehm stehen und Kidnapping ein Volkssport ist.
Lässig schultern die Söhne des Jemen das Maschinengewehr, im Gürtel steckt der Krummdolch. Ab drei Uhr nachmittags liegen die Herren mit glasigen Augen und dicken Wangen in den Hauseingängen. Gemächlich zerkauen sie die Blätter des Kat-Strauchs.
44,5 Grad Lufttemperatur wurden am Roten Meer gemessen. Seit 1990 ereigneten sich in dem Land über 150 Entführungen von Ausländern - auch das ein Spitzenwert. Die Staatsmacht waltet nur übers Straßennetz. Jenseits davon regieren Scheichs und Stammesfürsten.
In diesem tropisch fernen Staat, in der Hauptstadt Sanaa, Straße Nummer 19, steht ein bunt verglastes Haus mit der Aufschrift: "Deutsches Archäologisches Institut" (DAI). Im Büro sitzt an einem kargen Schreibtisch Iris Gerlach, 33.
Die Leiterin der Außenstelle sieht geschafft aus. In den letzten Wochen ist über ihr Haus ein Forschersturm hereingebrochen. 22 Archäologen, Vermessungstechniker, Architekten, Prähistoriker, Zeichner und Sprachforscher wurden von der Berliner Zentrale in den Orient beordert. Grund für die Hektik: Das DAI sucht nach Spuren einer legendären Herrscherin, die in den Überlieferungen dreier Weltreligionen auftaucht: Es geht um die Königin von Saba.
Alabasterköpfe und Goldringe haben die Forscher aus der Wüste geborgen. Sie entdeckten 3000 Jahre alte Tempel aus Muschelkalk und Miniaturaltäre, kaum größer als Streichholzschachteln. Über 50 Grabungshelfer wurden rekrutiert, dazu Lkw, Bagger und Schubkarren.
Seitdem der - in Tübingen studierte - Archäologe Jussuf Abdullah als Direktor der jemenitischen Antikenverwaltung im Amt ist, läuft es für die Deutschen optimal:
* Das DAI arbeitet in Marib - dem Sitz der sabäischen Könige;
* es fahndet in Sirwah, dem wohl bedeutendsten Kult- und Priestersitz;
* es ergatterte die Schürfrechte für den Awam-Friedhof. In dieser Prachtnekropole liegen, eingepfercht in merkwürdige Grabtürme, 20 000 Tote.
Letzten Dienstag ließen die Fachleute ermattet die Spatel fallen - Ende der ersten Kampagne und zugleich Beginn einer Mission in eine vor rund 2000 Jahren untergegangene orientalische Märchenwelt. Befriedigt packten die Forscher ihre Koffer und flogen mit der Airline Emirates zurück nach Norden in den Osterurlaub.
Mit dem Großprojekt, 5100 Kilometer Luftlinie von der Heimat entfernt, wagen sich die Forscher an eines der dunkelsten Kapitel der Weltgeschichte. Kaum ein anderes Reich ist so von Gerüchten umrankt wie der Karawanenstaat südlich vom Wendekreis des Krebses.
Im Koran tauchen die Sabäer als Anbeter der Sonne auf. Der Grieche Herodot berichtet von "geflügelten Schlangen", die das ferne Reich bevölkerten. Vom Gelehrten Strabon stammt der Hinweis, die Männer dort hätten "Geschlechtsverkehr mit ihren Müttern".
Bereits die Ägypter versuchten einen ersten Vorstoß in das sagenumwobene Weihrauchland. Um 1470 vor Christus schickte die Pharaonin Hatschepsut einen Spähtrupp los. Doch die Kundschafter kamen wohl nur bis nach Eritrea.
In der Bibel steht Arabien als Chiffre für Exotik und schwindelerregenden Reichtum. Matthäus erzählt die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland, die nach Bethlehem wandern; dortselbst fielen sie nieder vor dem Jesuskind und "taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe" - typische Handelsgüter aus Südarabien.
Noch verschwenderischer gibt sich die Königin von Saba. "Mit sehr großem Gefolge" sowie, laut Bibel, "Kamelen, die Balsam, eine gewaltige Menge Gold und Edelsteine trugen", erreicht sie - angeblich um 950 vor Christus - Israel. Als Motiv für die beschwerliche Anreise nennt das Alte Testament schlichte Neugier.
Bis in ihr fernes Reich sei die Kunde von Salomos Weisheit gedrungen, so zirpt die geheimnisvolle Frau. Dann attackiert sie den Monarchen mit Rätselfragen. Nachdem Salomo das Quiz besteht, legt sie ihm "120 Zentner" Edelmetall zu Füßen - und schwirrt wieder davon.
Wie ein roter Faden zieht sich das Têteà-tête durch die Kulturgeschichte des Abendlandes. Mit satten Renaissancefarben fassten Tintoretto und Raffael das Thema in Öl. In einer Oper von Charles Gounod, die ein schwaches Libretto mit mehreren Vulkanexplosionen im zweiten Akt ausgleicht, singt die Morgenländerin Arien.
Am Ende, in Hollywood, sitzt Gina Lollobrigida in der Badewanne - eine bezaubernde Muse, Schaum im Haar, und streichelt ihrem Salomo, Yul Brynner, das Phantasiekostüm.
Aber auch andere Kulturkreise kennen die schöne Herrscherin. In den Volkssagen des Jemen fungiert sie als Tochter eines Dschinns. Der äthiopische Kaiser Haile Selassie fühlte sich als Nachfahr der Königin im 225. Glied - was ihn allerdings auch nicht davor bewahrte, 1975 im Bürgerkrieg erdrosselt und im Palastklo eingemauert zu werden.
Dem Mythos der legendären Königin - und der dahinter liegenden Historie - gilt der Erkenntnisdrang der Deutschen in Sanaa. Existierte an den Gestaden des Indischen Ozeans wirklich ein Prunkreich? Liefen hier die Fäden eines antiken Weihrauchmonopols zusammen? Und lag die Macht tatsächlich in den Händen einer Frau?
Auf all diese Fragen haben die Experten frappante Antworten vorgelegt. Im Jemen tauchen die Ruinen eines bislang wenig bekannten Wüstenimperiums auf. Fakt ist:
* Die Sabäer schufen um 700 vor Christus eine theokratisch organisierte Großmacht.
* Das Volk verfügte über eine eigene Schrift und eigene Münzprägestätten.
* Es errichtete eine geradezu beklemmend wirkende Monumentalarchitektur.
* Und es gibt Hinweise auf ein Matriarchat. In antiken Dokumenten ist von "Königinnen der Araber" die Rede.
Am 7. März eröffneten die Deutschen ihren Vorstoß in die Vergangenheit. Angeführt vom Chef der Orient-Abteilung des DAI, Ricardo Eichmann, landete ein Forschertrupp um 4.45 Uhr auf dem Flughafen von Sanaa. Vermessungsgerät, GPS-Empfänger und Bohrköpfe wurden ausgeladen. Mit diesen Instrumenten zog das Team in die Oase Marib.
Überall bröckeln dort antike Ruinen vor sich hin, unter den Füßen knirschen Keramikscherben. Besonders auffällig wirkt ein 22 Meter hoher Hügel. Auf seiner Kuppe ragen baufällige und gespenstisch verfallene Lehmtürme aus islamischer Zeit in den Himmel.
In diesem Berg vermuten die Forscher, zugeschüttet von Staub, Geröll und Siedlungsdreck, ein Märchenschloss: den Königssitz von Saba. "Es ist die höchste Erhebung in der Oase", sagt Gerlach, "der ideale Platz für einen Palast." Noch in islamischer Zeit muss das prunkvolle Ge- mäuer weithin sichtbar gewesen sein. Die Quellen sprechen von einem mehrstöckigen Bau mit Alabasterdecken.
Bereits im Jahr 1811 hatte sich der Arzt und Naturforscher Ulrich Jasper Seetzen nach Marib aufgemacht. Doch er verschwand spurlos. Angeblich wurde er auf Befehl des Imams von Sanaa vergiftet.
Diesmal lief es besser. Beim Ausspähen der versunkenen Ruinenstadt mit Hilfe von Magnetometern geriet der Münchner Geophysiker Helmut Becker Mitte Februar zwar in einen Schusswechsel. "Nur unsere Bewacher haben eine Entführung verhindert", erzählt er. Auch Eichmann musste erst mal mit vier Stammesfürsten plauschen. Dann erst konnte es losgehen.
Beherzt stieg das Team den Burgberg empor und täufte mit einem Drillbohrer 20 Löcher in den Boden - gleichsam ein Piks ins Boudoir der Königin. Erstes Resultat laut Eichmann: "In Tiefen ab zwölf Meter liegen ungeheure Mengen an zerborstener sabäischer Keramik."
Auch vom Fuß der Akropolis ist Erstaunliches zu vermelden. Acht kantige Steinpfeiler lugen dort aus der Erde. Es sind Reste eines zugestaubten Sakralbaus. Etwas abseits entdeckte der Prospektionstrupp eine monumentale Treppe. Der dazugehörige Riesenbau ist ebenfalls unter Schuttmassen begraben. "Marib ist eine der letzten unberührten Metropolen der Antike", verkündet Eichmann strahlend.
Vor rund 2800 Jahren - Homer schrieb seine Ilias, der Pharaonenstaat glitt in seine letzte, ruhmlose Phase - existierte versteckt hinter dem Sandmeer der Wüste Rub al-Chali ein quirliger Staat.
Nach vorläufigen Analysen lebten allein in Marib rund 30 000 Menschen. Eine 4,2 Kilometer lange Mauer umschloss die Siedlung. Die neuen Magnetfeldbilder zeigen eine extrem dichte Bebauung. Ein enges Gewirr von Gässchen bedeckte die Stadtfläche von 110 Hektar. Troja, zum Vergleich, maß etwa 30 Hektar.
Über 1000 Jahre lang, so der neueste Erkenntnisstand, thronten in dieser Metropole bärtige Regenten, die mit dem Handel von Gewürzen und Duftharzen Unmengen Geld einnahmen. Sabas Luxusgüter Weihrauch und Myrrhe qualmten im griechischen Delphi ebenso wie im ägyptischen Luxor.
Trotz der transkontinentalen Kontakte blieb das Land jedoch merkwürdig abgeschottet. Eine "isolierte Kultur" (Gerlach) mit einer eigenen Formensprache entstand. Die Architektur der Sabäer ist schnörkellos, streng und monumental. Manchmal wirkt sie, als stamme sie aus dem Planungsbüro von Albert Speer.
"Fettfalten" am Hals der Frau galten als Schönheitssymbol. Eher amüsant sehen die Statuen der Tropenkönige ("Mukarrib") aus. Fast alle haben die Statur der Comicfigur Fred Feuerstein: Watschelbeine, Tonnenbauch, dicke Füße.
Gerade weil das Wüstenreich sich in seiner Abgeschlossenheit sehr eigenständig entwickelte, erinnert die Mission der Deutschen fast an eine Reise zum Mars. "Die Rekonstruktion dieser Hochkultur steht ganz am Anfang", erklärt Eichmann. Weltweit existiert nicht ein einziger Lehrstuhl für südarabische Archäologie.
Selbst der Assimilierungsdruck der Supermacht Rom griff in Saba nicht. Zwar zog der Präfekt von Ägypten, Aelius Gallus, im Winter des Jahres 25 vor Christus mit zwei Legionen (10 000 Mann) zornentbrannt das Rote Meer hinunter. Doch dann ließ der Sand die Militärmaschine stocken. Weitgehend geschwächt, halb wahnsinnig vor Durst, erreichten die Soldaten Marib. Dort kam die Armee endgültig zum Stillstand. Die Sabäer hatten die Stadttore verrammelt. Den Römern blieb nur der ruhmlose Abzug.
Kaum ein Spaten hat bisher die Hauptstadt der Sabäer berührt, noch sind die Forscher einzig auf schriftliche Überlieferungen angewiesen. Doch auch diese geben wertvolle Auskünfte: Viele der Ruinen, die von Sanaa bis nach Oman die Jahrhunderte überdauert haben, sind zernarbt von Schriftzeichen. Allein in dieser Kampagne haben die DAI-Leute eine Fülle neuer Dokumente entdeckt.
Norbert Nebes, ein Sprachforscher von der Universität Jena, hat sich für die Expedition gut gerüstet. Mit Turnschuhen, um den Kopf ein weißes Tuch geschlungen, steht er vor einer Stele. "Die südarabische Schrift hat 29 Buchstaben", doziert er, "entziffert wurde sie dank ihrer Verwandtschaft mit dem Alt-Äthiopischen."
Das afrikanische Land, eine Ex-Kolonie der Sabäer, bewahrte den Zungenschlag der Vorväter. Selbst die Aussprache des Sabäischen konnte deshalb rekonstruiert werden.
Wenn Nebes die streng geometrischen Zeichen ausspricht, knarzt und gluckert es. Rachen- und Kehllaute entweichen dem Mund des Wissenschaftlers. Dann wieder vollführt er "Knarrlaute in der Stimmritze", wie er es nennt.
Forschern wie Nebes ist es zu verdanken, dass die Frühgeschichte des Landes einigermaßen rekonstruierbar ist. Protokollartig niedergeschrieben ist sie auf zwei elf Tonnen schweren Steinen - im "Tatenbericht des Karib'il Watar". "Das ist unser Senklot in die Vergangenheit", sagt Nebes und zeigt auf die mit Graphemen übersäte Oberfläche des Quaders.
Das Dokument, 685 vor Christus geschrieben, erzählt eine hochdramatische Geschichte: Auf den Blöcken outet sich der Tropenkönig als großer Reichseiniger. In insgesamt acht Feldzügen habe er die umliegenden Königreiche zerschlagen. Dabei ging der Gründervater der Jemeniten mit einer "Blutgier sondergleichen" vor, wie der Arabist Christian Robin schreibt.
Bewaffnet mit Speeren, Pfeilen und Kurzschwertern, zerstörten die Truppen den Nachbarstaat Aussan. 16 000 Feinde starben. Dann drang die Armee in den Hadramaut und bis nach Aden vor. Um 700 vor Christus war der Feldzug abgeschlossen.
Das neu geschaffene Imperium strotzte von Kraft. Mit "ledernen Booten", so berichtete später der Historiker Strabon, setzten die Schergen der Mukarribs auch zum afrikanischen Festland über und gründeten dort Kolonien. Nebes stuft Saba als "expansiven Territorialstaat" ein.
Zentrum des neu gezimmerten Machtgefüges war die Oasenstadt Marib. Bald reckte sich Monumentalarchitektur gen Himmel. Die Pfeiler des Baran-Tempels wiegen pro Stück 13 Tonnen. Weiter östlich liegt das Awam-Heiligtum. Es gleicht einer riesigen steinernen Suppenschüssel. Millimetergenau, ohne Mörtel sind die Blöcke aufeinander geschichtet - ein Steinschnitt wie mit der Diamantsäge.
Insgesamt etwa 50 000 Menschen, so die Schätzungen, müssen sich in der Oase getummelt haben. Die jüngsten Prospektionen zeigen, dass auch außerhalb der Stadtmauern zahlreiche Fundamente liegen. Dort saßen vermutlich dunkelhäutige Bauern mit Zopfbärten vor ihren Lehmhütten. Die Datschen standen, wie es im Koran heißt, in "fruchtbaren Gärten" - und das, obwohl in der Gegend kaum Niederschlag fiel.
Nur im März und im Juli regnet es für wenige Tage. Dann allerdings schüttet es vornehmlich im Hochgebirge wie aus Kübeln. Millionen Kubikmeter Wasser stürzen hernach durch die ausgetrockneten Flussläufe (Wadis) talwärts.
Dieses Nass wurde von den Sabäern mit einer genialen Konstruktion eingefangen. Auf voller Breite sperrten sie den Ausgang des Wadis mit einem 620 Meter langen Damm ab. Der Schweizer Geograf Ueli Brunner hält die Anlage für "ein technisches Weltwunder".
Wenn die Regenzeit einsetzte, musste sich die Konstruktion beweisen. Mit Wucht donnerte das Frischnass gegen die 20 Meter hohe Dammkrone und staute sich zu einem See. Spezielle Becken entstrudelten das Wasser und nahmen ihm so einen Teil seiner Gewalt. Dann floss es durch ein Kanalnetz bis in die letzten Winkel der Oase. 9600 Hektar Land wurden bewässert.
Auf diesen "Lebensnerv" (Brunner) seiner Kultur verwendete das Volk viel Energie. Überall standen kleine Schleusen und Wehre. Priester und Tempelbürokraten regelten die Wasserzuteilung auf die Felder. Für die Wartung der Anlage wurden auch Kriegsgefangene eingesetzt.
Das Ergebnis war ein Garten Eden. Früchte wuchsen auf der befeuchteten Tropenscholle, die Bauern ernteten Hirse und Weizen und raspelten, umgeben von Dattelpalmen, Süßholz. Pflüge rissen das aus dem Hochgebirge angeschwemmte Sediment auf. Dieser "Silt" genannte Gesteinspuder ist besonders fruchtbar.
Und immer wieder Weinreben: Ibn Rusta, ein persischer Gelehrter, nennt 70 jemenitische Traubensorten. Vergoren und gekeltert entstand feiner "Mizr" (vulgo: Alkohol). Auch aus Datteln und Getreide brauten die Farmer Hochprozentiges. Sie erzeugten "Bit" (Honigwein) und "Fasi", ein Rosinengetränk, das mit Moschus und Kampfer abgeschmeckt wurde.
Für jeden Schwips hatte der vorislamische Jemenit eine spezielle Bezeichnung. Den Morgenschicker nannte er Sabuh, den Mittagsrausch Qayl. Kippte er sich früh abends einen hinter die Binde, sprach er von Fahma. Und wer noch in der Morgendämmerung an der Flasche hing, durchlebte Jashiriyya.
Fast scheint es, als hätte Mohammed mit seinem Alkoholverbot die Notbremse gezogen, um den Absturz der Südaraber ins Dauer-Delirium zu verhindern.
Keine Frage: Es lebte sich kommod im Reiche Saba. Gehüllt in togaartige Gewänder, auf den Rücken das Löwenfell geschnallt, lustwandelten die Könige. Einmal im Jahr stiegen sie in die Berge, um Jagd auf den heiligen Steinbock zu machen. Hernach entspannten sie sich wahrscheinlich bei Grillfleisch und Hammelkeule, gewürzt mit feinsten Kräutern aus Indien.
Strabon zufolge waren die Herrscher so reich, dass sie mit edelstem Geschirr tafelten. Einen "riesigen Schatz" besitze dieses Volk, schreibt neidisch der Historiker, dann nennt er einzelne Stücke: goldene und silberne "Ruhebetten, Dreifüße, Mischkrüge und Tischbecher".
Doch so farbig derlei Berichte auch sein mögen, ihre Zuverlässigkeit ist zweifelhaft. Nur sehr wenige Details des Sabäer-Lebens sind bisher durch archäologische Funde bezeugt.
Auch die Religion breitet sich aus wie eine Terra incognita. Reichsgott war Almaqah, verkörpert durch den Mond. Schams hieß die Göttin der Sonne. Von keinem dieser Götzen existiert ein Bildnis. Gab es in Saba womöglich schon ein kultisches Bilderverbot, wie es auch Jahwe erließ? Die Sitten und Sexualregeln des Landes muten jedenfalls streng an. Nach jedem Geschlechtsakt musste der Mann die Kleider wechseln und sich waschen. Während der Menstruation stand Sex unter Strafe.
Immer wieder tauchen in den Quellen öffentliche Selbstanklagen auf. Über 30 Sühnetafeln sind an den Tempelwänden angebracht. Ein gewisser "König von Kaminahu" bereut, dass er Stiere statt Kühe geopfert habe. Andere Büßer gestehen, sie hätten sich einer Frau "in ihrer verbotenen Periode" genähert oder beim Betreten des Gotteshauses nach Zwiebeln gestunken.
Ein Sünder namens Aliyun wiederum bezichtigt sich gar eines Geschlechtsakts im Gotteshaus. Der Text könnte darauf hindeuten, dass die Sabäer die heilige Prostitution duldeten.
Um endlich mehr über die merkwürdigen Riten zu erfahren, haben die Deutschen nun ein weiteres Archäo-Fass aufgemacht: Auch für Sirwah, den zentralen Kultplatz der Sabäer, besitzen sie seit kurzem die Grabungslizenz. Diese Tempelstadt liegt 40 Kilometer westlich von Marib. Doch die Sache hat einen Haken: Sirwah liegt mitten in einer Kidnapper-Zone.
Die Zweigstellenchefin Gerlach konnte auch dieses Problem lösen. Mehrfach fuhr sie ins Stammesgebiet der Dschaham, eine schroffe Bergwelt, und trank mit dem Stammesführer Tee. "Scheich Nadschi ist ein schwerhöriges Väterchen", erzählt sie, "wir haben uns unter seinen Schutz gestellt."
So läuft das im Jemen: Zuerst erfolgt die Unterwerfungsgeste, dann der Griff ins Portemonnaie. Um Ruhe zu haben, muss man eben jene Krieger als Bewacher engagieren, die sonst Ärger machen würden.
Am 10. März brach ein Trupp von DAI-Leuten auf. Drei Toyota-Pickups durchquerten eine gespenstische Landschaft, in der schwarze Tuffbrocken wie Koks herumliegen. Vorneweg fuhren, mit geschulterten Kalaschnikows, drei Dschaham-Männer. Matratzen, Eieruhren, Konserven, Pyjamas, selbst Tisch und Stühle mussten die Forscher mitführen.
Vorbei an Panzersperren der Armee erreichte der Tross schließlich Sirwah. Das zerfallene Heiligtum steht auf einem Felssporn. Die ovale Außenmauer ist etwa 90 Meter lang. Es ist eine glatt polierte Götterburg, die für den Mondgott Almaqah errichtet wurde.
"Sirwah war ein zentraler Priester- und Kultplatz", erklärt das Projektmitglied Holger Hitgen, "hier könnten die Mukarribs bestattet sein." Liegen dort also die Gebeine der Königin von Saba begraben?
Bewehrt mit kleinen Hämmern und Spateln, die Haut dick mit Sonnenmilch eingecremt, schwärmten die Forscher ins ruinöse Ambiente aus. Neben dem Zentralbau wurden fünf weitere Tempel geortet. Es sind zerborstene Haufen aus hellem Muschelkalk.
Nach königlichen Mumien suchten die Archäologen allerdings vergebens. 35 Grabungshelfer räumten bis vorletzte Woche Trümmer weg und säuberten die mit islamischen Bauten zugerümpelte Kultstätte des Mondgottes. Geheime Grüfte, belegt mit sabäischen Nobilitäten, kamen bislang nicht zu Tage.
"Unsere Suche hat erst angefangen", tröstet sich Gerlach und überschaut das grandiose Gelände. Nur zu gern würden sie und ihre Kollegen mehr über jene Herrscherin wissen, die wie eine Glücksfee im ersten Buch der Könige des Alten Testaments erscheint und ihr güldenes Füllhorn über Salomo auskippt. Im zweiten Buch der Chronik wird die Story von der Königin von Saba fast wortwörtlich noch einmal vorgetragen.
Im elften Jahrhundert setzt dann ein wahrer Rummel ein. Königin Bilqis, so ihr jemenitischer Name, wird ins Gemäuer gotischer Kathedralen gemeißelt. Sie prangt auf Holzaltären und als Bronzerelief auf der Paradiespforte des Baptisteriums von Florenz. Calderón beschreibt sie als unermüdliche Globetrotterin, die "dahinzieht von einem Pol zum anderen".
Zugleich mischt sich ein böser Zug in die Figur. Die Koran-Sure 27 erzählt, dass sich Salomo für das Treffen eigens einen gläsernen Palast bauen ließ. Im Glauben, der spiegelglatte Fußboden sei Wasser, hebt die Frau den Rock. Ein dicht behaartes Bein wird sichtbar - Bilqis als Dämonin.
Nicht zuletzt die Erotik, die von der Morgenländerin ausgeht, steigerte ihre Bedrohung. "Selig sind deine Knechte", gurrt die Saba-Monarchin dem Schürzenjäger aus Jerusalem zu (der laut Bibel 1000 Frauen besaß). Die äthiopische Sage segnet diese Seligkeit mit einem Baby namens Menelik.
Auch bei Luther klingt das sexuelle Motiv an. "Da sie zu Salomo hineinkam, redete sie mit ihm alles, was sie sich vorgenommen hatte", erzählt der Reformator scheinbar leutselig. Kurz zuvor jedoch, bei der Geschichte von Lots Töchtern, hat er das Wort "hineinkommen" als Synonym für den Geschlechtsakt benutzt.
Alles, was das imperialistische, prüde Europa des 19. Jahrhunderts sich versagt, staut sich in dieser Exotin. Sie verkörpert ungenierten Luxus, nackte Haut, Wollust. Bei Flaubert reitet die Königin auf einem weißen Elefanten, das Edelgesäß auf ein blaues Kissen gebettet, den schwellenden Körper in ein Gewand gehüllt, das eine diamantene Skorpion-Spange nur unzureichend zusammenhält.
Dieser Verlockung muss der Held des Romans, der heilige Antonius, widerstehen - was ihm nur um den Preis eines drohenden Nervenzusammenbruchs gelingt. Auf der Opernbühne war weniger Triebhemmung angesagt. 1875 feierte Karl Goldmarks Oper Triumphe. Es ist eine schwüle Orient-Phantasie, in der Sänger wie Richard Tauber und Enrico Caruso tönten:
Und taumelnd sink ich und verworren hin
zu Füßen ihr, der holden Zauberin.
Unübertroffen bleibt das Gemälde des Malers Edward Poynter. Mit entblößter Brust, den Blick züchtig gesenkt, läuft die Königin eine von steinernen Löwen flankierte Freitreppe empor. Pfauen beobachten, wie Salomo ihr entgegenschreitet. Für einen Augenblick, so scheint es, hält der Hof des David-Sohnes den Atem an.
Nur, hat das biblische Gipfeltreffen überhaupt stattgefunden? Viele Experten hegen Zweifel. Es ist wie bei Kleopatra, Nofretete und Lady Di: Je glänzender und glorioser ein Mythos erstrahlt, desto mehr löst er sich von der Wirklichkeit. Mit jedem zusätzlichen Funkeln verdünnt sich die historische Beweislast.
Schon an die Existenz des Gastgebers Salomo (angeblich 965 bis 926 vor Christus) mögen viele Altgeschichtler nicht glauben. Der Hebräer, der angeblich einem Großreich vorstand (aus dem orthodoxe Juden noch heute ihre Gebietsansprüche ableiten), war wohl nur ein Provinzfürst vom See Genezareth. Erst nationalistisch gesinnte Bibelautoren im dritten vorchristlichen Jahrhundert, so der Heidelberger Alttestamentler Bernd Jörg Diebner, hätten Salomo zum Hochglanz-Monarchen hochgeschrieben: Was lag da näher, als ihm eine schwerreiche Dame aus dem Morgenland zu Füßen zu legen?
Alles Schmäh, bloße Propaganda also? Nach Hinweisen auf eine Thronfrau, die Tiger kraulte und sich in den Prunkgemächern des Palasts von Marib räkelte, suchen die Archäologen jedenfalls vergeblich. "Bislang gibt es keinen historischen Beleg für die Existenz der Herrscherin", räumt Eichmann ein.
Gleichwohl bleiben die Forscher fasziniert vom biblischen Bericht. Zu viele Fermente der Realität sind in die Geschichte gerührt. Der französische Historiker Robin hält es für durchaus plausibel, dass "Salomo diplomatische Kontakte mit einer Königin aus Arabien hatte".
Zwei bemerkenswerte antike Dokumente stützen diesen Verdacht. Es sind Keilschrifttexte, die in Assur gefunden wurden:
* Text eins, er stammt aus dem Jahr 738 vor Christus, erzählt von einer "Königin der Araber" mit dem Namen Zabiba. Die Frau entrichtet dem König Tiglatpileser III. Tribut und zahlt 25 000 Kilo Weihrauch.
* Fünf Jahre später befindet sich der nämliche Herrscher im Kampf mit einer anderen blaublütigen Wüstendame. Samsi, auch sie eine "Königin der Araber", führt sogar eine Armee an.
Wer verbarg sich hinter diesen streitbaren Amazonen? Saßen im Jemen, wo heute die Frauen meist durch Sehschlitze blicken, neben den männlichen Mukarribs mitunter auch Regentinnen auf dem Thron? Waren sie es, die den Mythos von der prachtvollen Besucherin in Salomos Palast nährten?
Die Historiker wissen bislang keine Antwort auf diese Fragen. Auffällig aber ist zumindest, dass die anderen Eckdaten der Karawanenstory aus dem Alten Testament eng mit der Wirklichkeit verzahnt sind.
Die neuen archäologischen Funde zeigen eindeutig: Bereits um 950 vor Christus - dem vermuteten Zeitpunkt des Jerusalemer Gipfels - blühte die Hochkultur von Saba. Und auch der in der Bibel erwähnte Nord-Süd-Handel mit Weihrauch ist ein historisches Faktum.
Mit diesem ätherisch duftenden Baumharz machten die Ur-Araber den großen Reibach. Ohne Weihrauch waren die Götzendiener der Antike hilflos. Der klebrige Stoff fand sich am Sarg des Tutanchamun ebenso wie in einem Keltengrab aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert, das in Reutlingen zu Tage kam.
Kein Totenkult, kein Gebet ohne den traumschweren Duftstoff. Wahrsager kokelten damit, Zauberer sprachen in seinem Qualm Beschwörungsformeln. Zugleich diente es wegen seiner keimtötenden Wirkung als Medizin. Mit billigen, parfümierten Chargen bekämpfte man den Gestank auf müffelnden Klos.
Um Christi Geburt explodierte der Verbrauch. Plinius der Ältere erzählt im 12. Buch seiner Historien, dass Kaiser Nero beim Begräbnis seiner Lieblingsgattin Poppaea "eine Jahresernte Weihrauch" verbrennen ließ. Ein Kilo kostete damals den Monatslohn eines Arbeiters.
Erst in jüngster Zeit ist es Botanikern, Paläobiologen, Arabisten und Antikenkennern gelungen, die Geheimnisse dieses Naturstoffs zu lüften. Der Weg, den die bernsteinfarbenen Harzklumpen vom Anbaugebiet des Weihrauchs in Südarabien bis in die Kultstätten des Nordens nahmen, ist endlich rekonstruierbar.
Bis heute wächst der Baum ("Boswellia sacra") fast nur in Südarabien, zudem vereinzelt in Somalia und an der Ostküste Indiens. Auch auf der Insel Sokotra gedeiht der knorrige Strauch. Dort streichelt ihn sommerlicher Monsun. Die Harzklumpen von diesem entlegenen, schon sehr früh von den Sabäern kontrollierten Eiland galten in Marib als Produkte edelster Güte.
Die großen Plantagen aber lagen im Dhofar-Gebiet im heutigen Oman. In 500 bis 1000 Meter Höhe, benetzt von Sommernebeln, standen die wählerischen heiligen Bäume dicht bei dicht auf lehmigen Kalkböden.
Im Juli, bei brütender Hitze, begann die Ernte. Mit Messern fügten die Arbeiter den Stämmen 10 bis 30 Wundstellen zu, aus denen ein milchiges Harz quoll. Getrocknet erstarrte es zu goldgelb schimmernden Klumpen. Der Abtransport erfolgte unter strenger Kontrolle von Priestern.
Schon in der Steinzeit diente Weihrauch als Kultmittel. Es verscheuchte beim blutigen Tieropfer die Fliegen. An Export war anfangs allerdings nicht zu denken. Die Arabische Halbinsel erstreckt sich über fast 3000 Kilometer. Auch der Seeweg war mit den lederbespannten Booten der Sabäer nicht zu schaffen. Über das Rote Meer fegen Winde aus nördlicher Richtung. Die Küste bot kaum natürliche Häfen. Zudem herrscht unerträgliche Hitze. Am Ufer lebten in der Antike Piraten.
Um 1500 vor Christus, vielleicht schon früher, wendete sich das Blatt. Beduinen domestizierten das Kamel. Plötzlich stand ein wüstentaugliches Transportmittel zur Verfügung. Dromedare halten tagelang ohne Wasser durch, sie können bis zu vier Zentner über große Distanzen tragen.
Mit diesen Tieren war der Trip durch die Dünensperre möglich. Beladen wurden die Kamele mit Weihrauch und Myrrhe, aber auch mit Aloe und Halbedelsteinen, besonders Achaten. Abgerundet wurde die Warenpalette mit Gewürzen aus Indien; diese verdealten die Sabäer als Zwischenhändler.
Mit ihrer Fracht liefen die Leute durch endloses Geröll. Aus dem Dhofar-Gebiet ging es zuerst nach Marib, dort zweigte der Weg nach Norden ab. Nach 1000 Kilometern war Mekka erreicht, damals Ort eines Freudenhauses. Über die Nabatäer-Hauptstadt Petra mit ihrer eindrucksvollen Felsschlucht erreichten die Sandlatscher schlussendlich Gaza, den Hafen für die Weiterverschiffung. Die Gesamtstrecke beträgt etwa 3700 Kilometer. Dauer des Trips: drei bis vier Monate.
Es mag der Inbegriff des Märchenhaften gewesen sein, die schwarz funkelnden Südländer zu sehen, wie sie mit Dromedaren, den Geruch von Kassia und Zimt verströmend, ins Gelobte Land einzogen. Immer wieder wird in der Bibel das Phänomen angesprochen. Auch Jesus erwähnt die "Königin des Südens". Im semitischen Urtext heißt ihre Heimat Jmn.
Wo dieses mysteriöse Südreich exakt lag, wusste indes niemand. Die Kameltreiber ließen sich nichts entlocken. Sie legten mit Absicht falsche Fährten; unbeirrt wahrten sie ihr Betriebsgeheimnis. "In der Antike wurde das Herkunftsland des Weihrauchs lange in Syrien lokalisiert", erzählt der Bonner Orientalist Burkhard Vogt.
Um Konkurrenten abzuschrecken, verbreiteten die Händler weitere Gerüchte. Königliche Sklaven, hieß es, würden, umgeben von giftigen Dämpfen, auf den Weihrauch-Plantagen schuften. Der Name Hadramaut bedeutet "Stätte des Todes".
Nichts beweist die Verschwiegenheit des Karawanenvolkes deutlicher als die Tatsache, dass bis heute unbekannt ist, was Weihrauch auf sabäisch heißt. Das Wort wird in keinem einzigen Dokument erwähnt. "Alles was den Dufthandel betraf", meint der Sprachforscher Nebes "war tabu und top secret."
Es war dieser Baumsaft, der den Militärschlag des großen Karib auslöste. Mit seiner Aggression, die in der Zertrümmerung des Königreichs Aussan gipfelte und bis in den Hadramaut ausgriff, gelang es dem Monarchen, den Weihrauchhandel zu monopolisieren. Jedes geerntete Klümpchen geriet unter die Kontrolle der Priesterbürokraten aus Marib.
Damit hatten sich die Mukarribs einer Goldader bemächtigt. 7000 bis 10 000 Kamelladungen, so hat der Parfümforscher Nigel Groom errechnet, wurden pro Jahr allein ins Römische Reich exportiert und dort weiterverarbeitet. Die Aromatiseure in den Werkstätten von Alexandria mussten nach dem Tagwerk nackt zur Leibesvisite: Schmuggelkontrolle - so teuer war das Zeug.
Um Christi Geburt ist der Gipfelpunkt erreicht. Jährlich "100 Millionen Sesterzen" an Kapital flössen nach Indien und Arabien ab, jammerte Plinius. Diesen Aderlass konnte selbst das Imperium Romanum auf Dauer nicht verkraften. Im ersten Jahrhundert geriet das Reich in den Sog einer galoppierenden Inflation.
Am anderen Ende der Weihrauch-Pipeline dagegen strahlten die Gesichter. Mit dem steten Strom römischer Sesterzen finanzierten die Saba-Bosse ihre plan geschliffenen Monumentalpaläste. Der Schweizer Geograf Brunner attestiert dem Wüstenstaat eine "extrem positive Handelsbilanz" sowie eine "starke Ballung des Reichtums".
Nirgends pflegt sich in alten Kulturen Wohlstand sichtbarer niederzuschlagen als bei Bestattungen. Deshalb knüpfen die deutschen Archäologen besondere Hoffnungen an ihre Grabung im Awam-Friedhof von Marib, dem dritten Brennpunkt ihres Forschungsprojekts.
Jeden Morgen um sechs Uhr tritt ein Teil der DAI-Mannschaft hier an. Punkt neun Uhr ist Teezeit. Während der Sand in kleinen Windhosen hochwirbelt, hockt das Archäologenteam im Windschatten des Instituts-Jeeps und isst gewürztes Fladenbrot und Früchte. Alles ist in Tücher und Turbane gehüllt.
Die Nekropole liegt außerhalb der alten Stadtgrenze und erinnert an ein Manhattan für Tote. 55 turmartige Mausoleen wurden bislang aus dem Sand geborgen. Die Verstorbenen sind in Nischen mit Alabasterköpfen dargestellt.
Die Innenräume hatten bis zu vier Etagen. Dort lagen, dicht bei dicht in harzgetränkte Leinentücher gewickelt, die Verstorbenen. "Hier muss es mächtig gestunken haben", meint Gerlach. Um Verwechslungen auszuschließen, erhielt jeder Tote eine Tonscherbe umgehängt, in die sein Name eingeritzt war.
"Ich mach noch mal 'ne Knochenrunde", murrt Ruth Bolongino, eine Anthropologin aus Göttingen, und stapft davon. Kurz danach kommt sie mit zerschlagenen Fersenbeinen, Oberschenkeln und Schädelplatten zurück. Auf dem Dach des Grabungshauses von Marib, wo die Forschergruppe wohnt, hat Bolongino ihre Skeletttrümmer fein säuberlich in Plastiktüten verpackt - Reste von über 300 Individuen.
Besonders aufregend sind die Funde aus Grab 21. Am Boden der Grabkammer wird ein Miniaturschatz entdeckt. Es handelt sich um Hunderte von winzig kleinen Gefäßen: daumengroße Bronzebeile und Schminkpaletten, miniaturisierte Altäre und Weihrauchbrenner - eine Art Puppenstube fürs Jenseits. Abends putzt Hitgen die Funde mit der Zahnbürste und bettet sie auf Wattebäusche.
Tags darauf entsteht auf dem Grabungsareal plötzlich Unruhe. Ein Arbeiter hat einen Goldring entdeckt. Der Bauer, dem das Grabungsgebiet gehört, fordert die Herausgabe des Schmuckstücks. Der Mann droht, alle seine Arbeiter abzuziehen. Gerlach bleibt hart und gewinnt den Machtkampf.
Das ist die Schattenseite archäologischer Forschung im Jemen: Ungezügelt, von keiner Regierungsmacht gebremst, durchpflügen Raubgräber den Boden. Mit Gewalt dringen Plünderer in Grabkammern ein, sie durchwühlen Tempel. "Im Jawf setzen die Scheichs sogar Bagger ein", klagt Hitgen und zeigt in Richtung Norden.
Schwere wissenschaftliche Konfusion ist die Folge. Über eine geflügelte Götterfigur, die das Britische Museum bei Sotheby's ersteigerte, wird bis heute gerätselt. Niemand weiß, woher das Stück ursprünglich stammt und wie alt es ist.
Doch trotz aller Widrigkeiten ist die Arbeit in dem schroffen, unbehausten und oft fast mittelalterlich anmutenden Morgenland so spannend wie kein anderes Feld der Archäologie. Die Leute vom Deutschen Archäologischen Institut fühlen sich als Stoßtrupp und Pioniere.
Noch wurde kein einziges Tempelarchiv entdeckt. Noch erblickte kein Forscher das Antlitz des Reichsgotts Almaqah. Und selbst der Palastbezirk, unter meterdicken Staubschichten versunken, ist erst mit einigen wenigen Stichen angebohrt worden. Liegt dort unter dem gewaltigen Schutthügel wirklich jener Zauberpalast, in dem sich die vermeintliche Liebhaberin von Salomo und schöne Karawanenchefin mit Aloe und Palmölen eincremte? Werden die Experten ihre Mumie im Tempelbezirk Sirwah finden?
Die Chance besteht. Spätestens im Oktober, wenn die brütende Hitze nachlässt, wird die Mannschaft erneut nach Südarabien ziehen, hoch motiviert und noch zahlreicher als in diesem Frühjahr, um das Inkognito der Königin von Saba zu lüften.
Der Orientchef Eichmann jedenfalls gibt sich entschlossen: "Der Etat für die nächste Kampagne ist bereits bewilligt."
MATTHIAS SCHULZ
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